Katholische Kirche

Weingartner Kirche Opfer der letzten Kampfhandlungen des zweiten Weltkrieges

Mit der Eroberung Weingartens durch amerikanische Truppen am 23. März 1945 verloren die Katholiken vor Ort ihr Gotteshaushaus. Dort wo sich heute die Bushaltestelle, sowie der freie Platz vor dem Rathaus befinden, stand knapp 200 Jahre der das Ortsbild mitprägende Bau an der Ecke Neugasse/Hauptstraße.
Kath_Kirche_altIm Jahre 1745 begannen die Katholiken im Ort mit dem Bau ihres Gotteshauses.
Auf den 19. September 1751 ist die feierliche Weihe datiert. Im Laufe der Zeit
erhielt der Kirchenbau eine barocke Innenausstattung. Einige wenige Fotografien,
die nach der Renovierung durch den Ludwigshafener Kirchenmaler und
Restaurator Eugen Heller im Jahre 1938 aufgenommen wurden, erinnern noch
an den ehemals prächtigen Zustand.

Kaum sieben Jahre später sollte der Kirchenbau, wie so Vieles, die Zeit der
Nazidiktatur nicht überstehen. An jenem verhängnisvollen Freitag vor
Palmsonntag 1945 war außer einigen fanatischen Offizieren jedem klar, dass
der Krieg bereits verloren war. Nach der Zerstörung der Rheinbrücken bei Wörth
und Speyer blieb die Germersheimer Brücke der letzte intakte Übergang, über den Truppen und Material der Wehrmacht auf die rechte Rheinseite wechseln sollten. So lag es nahe, dass das Heranrücken der Truppen der 3. und 7. US Armee, die im Rahmen der Operation Undertone, innerhalb von 8 Tagen vom Saarland bis fast an den Rhein vorgestoßen waren, verzögert werden sollte.

Obwohl die Tage im März 1945 bereits überaus warm waren, wagten es die Bauern nicht, ihre Felder zu bestellen, denn über die Pfalz kreisende Jagdbomber suchten ihre Ziele, während die Front von Norden näher an Weingarten heranrückte. Freisbach hatten amerikanische Truppen schon am Vormittag des 23. März eingenommen. In Weingarten entfernten mutige Männer bereits einige Tage zuvor in der Nacht die Baumstämme der Panzersperre, welche die Amerikaner in der Schlossgasse aufhalten sollte und zersägten sie. Zwei Jugendliche waren bereit an den beiden Kirchtürmen weiße Fahnen anzubringen, damit der Ort kampflos übergeben werden konnte. Dieses Ansinnen vereitelten deutsche Offiziere, die noch vor den Amerikanern im Ort eintrafen. Sie verpflichteten kurzerhand von der Haardt zurückweichende Soldaten der Wehrmacht, richteten im Turm der protestantischen Kirche einen Beobachtungsstand ein und bereiteten die Verteidigung des Ortes vor. Das Anbringen der Fahnen war nun nicht mehr möglich. Nach Berichten von Zeitzeugen konnten weitere versprengte deutsche Soldaten am westlichen Dorfrand von der Anwesenheit der Offiziere gewarnt werden.
Kath_Kirche_alt2Auch wird berichtet, dass jener Soldat, der noch am Vormittag des 23. März zum letzten Mal die Orgel in der katholischen Kirche anstimmte, bemerkte haben soll, dass dies nun ihr Schwanengesang sei.
Während die Bevölkerung vermeintlich sichere Schutzräume aufgesucht hatte, rückte gegen 14:00 Uhr eine Kolonne amerikanischer Sherman Panzer auf Weingarten zu. Der vorausfahrende Panzerspähwagen wurde von einer MG-Stellung beschossen und zog sich zurück, einen nachfolgenden Panzer traf eine Panzerfaust, worauf die Kolonne anhielt. Die daraufhin von den  Amerikanern angeforderte Unterstützung durch Flugzeuge beschoss das Dorf und warf auch Bomben. Etwa eine Stunde musste Weingarten Beschuss und Bombardierung aushalten, ehe sich die Verteidiger gegen 16:00 Uhr nach Westheim zurückzogen, das am nächsten Tag kampflos eingenommen wurde. Die amerikanischen Truppen konnten nun in das an vielen Stellen brennende und verwüstete Dorf einziehen.

Die verheerende Bilanz dieses verhängnisvollen Tages in Weingarten waren 25 zerstörte Scheunen und 9 Wohnhäuser, der Turm der protestantischen Kirche war schwer beschädigt. Hätte unter normalen Umständen das katholische Gotteshaus noch gerettet werden können, war dies bei den zahlreichen anderen Bränden und der defekten Wasserleitung nicht mehr möglich.

Kath_Kirche_Neubau
Neubau der Kath. Kirche im März 1950

Das sich vom Turm ausbreitende Feuer griff auf das gesamte Gebäude über. Beherzten Personen aus der Nachbarschaft gelang noch die Rettung einiger sakraler Gegenstände und Statuen, viele unersetzliche Kunstgegenstände im Innenraum wie die Kanzel, der Barockaltar und die geschnitzte Mutter-Gottes-Statue wurden jedoch ein Raub der Flammen. Andere Gegenstände wie die Monstranz und Kelche hatten weitsichtige Personen bereits vorher im Keller der ehemaligen Brauerei Starck in Sicherheit gebracht. Während von einem toten deutschen Soldaten berichtet wurde, ist über die Verluste bei den Amerikanern nichts bekannt.
Bedauerlicherweise wurde auch eine Frau aus Weingarten Opfer der Kampfhandlungen. Sie erlag einige Tage später in einem aliierten Militärkrankenhaus den Folgen ihrer  Splitterverletzungen nach Beschuss durch die Wehrmacht nachdem Weingarten bereits eingenommen war.

Nach dem Verlust ihrer Kirche hielt die katholische Kirchengemeinde ihre Gottesdienste im Saal der Brauerei Starck ab. Den Entschluss eine neue Kirche zu errichten, fassten die Weingartner Katholiken schnell. Schon im Spätherbst 1949 begannen die Arbeiten für ein neues Kirchengebäude in der Neugasse und am 15. Januar erfolgte die Grundsteinlegung. Gerade einmal ein halbes Jahr später, am 23. Juli 1950, übergab der damalige Bischof Dr. Josef Wendel den Kirchenbau in einem feierlichen Festgottesdienst seiner Bestimmung. An den Vorgängerbau weist nicht nur der als Namenspatron übernommene Heilige Michael hin. Zwei vor dem Feuer gerettete Statuen der Heiligen Maria und Josef haben ihren heutigen würdigen Platz im rückwärtigen Teil der neuen Kirche gefunden. Äußerlich erinnern die im Sockel und an den Ecken verwendeten Steine und das als Seiteneingang integrierte Barockportal mit der Jahreszahl 1746 an das vor genau 70 Jahren zerstörte Gotteshaus.
(Stefan Becker)